Was ist eigentlich passiert?
Der Server Decrypt berichtete, dass europäische Regulierungsbehörden Binance Fragen dazu stellen, wie die Börse trotz des Verlusts ihrer Registrierungen nach der MiCA-Verordnung einige Monate zuvor weiterhin Dienstleistungen für Kunden in der Europäischen Union erbringt. Laut dem Bericht bedient Binance europäische Nutzer aus Abu Dhabi und stützt sich dabei auf die sogenannte Ausnahme Reverse Solicitation (umgekehrte Ansprache).
Der polnische Server BitHub.pl beschreibt dieselbe Situation aus einem anderen Blickwinkel: Binance sollte ihre Aktivitäten in Europa gemäß einer früheren Anweisung herunterfahren, und Brüssel fragt nun, warum die Börse immer noch funktioniert.
Kurz zusammengefasst zum Einstieg: Die Regulierungsbehörden stellen Fragen, Antworten sind bislang öffentlich nicht vorhanden. Es geht (noch) nicht um eine angekündigte Geldstrafe oder eine offizielle Entscheidung.
Was ist MiCA und was bedeutet 'Reverse Solicitation'?
MiCA (Markets in Crypto-Assets) ist eine EU-Verordnung, die die Regeln für Anbieter von Dienstleistungen im Zusammenhang mit Kryptowerten (CASP) vereinheitlicht. Wer aktiv Dienstleistungen für Kunden in der EU anbieten will, benötigt eine entsprechende Registrierung oder Lizenz in einem Mitgliedstaat.
Reverse Solicitation ist eine Ausnahme, auf die sich Anbieter manchmal berufen: Sie behaupten, dass es der Kunde war, der aus eigener Initiative einen Anbieter außerhalb der EU angesprochen hat, und nicht umgekehrt. In diesem Fall würde es sich nach dieser Auslegung nicht um ein aktives Anbieten von Dienstleistungen in die EU handeln, und somit wäre keine Lizenz nach MiCA erforderlich. Regulierungsbehörden im gesamten Finanzsektor legen diese Ausnahme seit langem eng aus, weil sie sich leicht missbrauchen lässt.
Laut dem Bericht von Decrypt ist gerade die Anwendung dieser Ausnahme der Kern dessen, was die europäischen Behörden bei Binance untersuchen.
Was davon ist bewiesen und was nicht?
Bewiesen ist laut den zitierten Quellen, dass die Regulierungsbehörden Fragen stellen und dass Binance europäische Kunden aus Abu Dhabi bedient. Ebenfalls ist laut dem Bericht gegeben, dass die Börse zu einem bestimmten Zeitpunkt ihre Registrierungen nach MiCA verloren hat.
Unbekannt bleibt vieles Wesentliche: welche konkreten Behörden die Untersuchung führen, in welcher Phase sie sich befindet, ob Binance bereits offiziell geantwortet hat und welche Konsequenzen gegebenenfalls drohen würden. Auch das genaue Datum, an dem die Börse ihre Registrierungen verloren hat, geben die Quellen nicht eindeutig an. Diese Punkte füllen wir nicht mit Vermutungen auf.
Wie fügt sich das in das größere Bild von Binance ein?
Während die Börse in Europa mit Fragen konfrontiert ist, expandiert sie anderswo. Laut einer Mitteilung von PayPay und dem Server CryptoSlate hat der größte japanische Zahlungsdienstleister PayPay am 30. September die Integration von Binance Pay hinzugefügt, die es berechtigten ausländischen Besuchern Japans ermöglicht, mit ihren Krypto-Guthaben in stationären Geschäften zu bezahlen. Die Händler erhalten dabei die Mittel in japanischen Yen, die Umrechnung erfolgt bei der Zahlung und die Integration läuft über das grenzüberschreitende Netzwerk HIVEX. Binance gibt an, dass die Funktion ausschließlich für Besucher bestimmt ist, die eine Identitätsprüfung durchlaufen haben, und für Einwohner Japans nicht verfügbar ist.
Auf der Produktseite erweitert Binance auch weiterhin die Derivate: Laut der Mitteilung über neue Listings startet Binance Futures einen in USDⓈ margined Perpetual-Kontrakt CTUSDT (in der Mitteilung angegebenes Datum: 2026-10-01).
Diese beiden Punkte stehen nicht in direktem Zusammenhang mit der europäischen Untersuchung, zeigen aber den Kontext: eine global aktive Börse, die in einer Jurisdiktion expandiert und in einer anderen (EU) mit regulatorischen Fragen konfrontiert ist.
Worauf bei dieser Art von Fall zu achten ist?
Dies ist keine Anlageempfehlung, sondern nur ein Überblick darüber, was zu beobachten ist. Bei Streitigkeiten über 'Reverse Solicitation' ist in der Regel entscheidend, ob die Regulierungsbehörde eine formelle Stellungnahme veröffentlicht, ob es zu einer offiziellen Untersuchung oder Sanktion kommt und wie die Börse den Zugang für europäische Kunden anpasst. charliedesk wird diese Punkte verfolgen und gegen das abgleichen, was tatsächlich geschieht.

