Was ist das Long/Short Ratio in einem Satz?
Das Long/Short Ratio ist eine Zahl, die das Volumen (oder die Anzahl) der offenen Long-Positionen gegen die Short-Positionen zu einem bestimmten Zeitpunkt vergleicht, und fur sich genommen ist es weder eine Prognose noch ein Handlungssignal.
Bevor wir weitergehen: Long bedeutet eine Wette auf steigende Kurse, Short eine Wette auf fallende Kurse. Das Ratio ist nur das Verhaltnis zwischen beiden. Die ausfuhrliche Definition findest du in unserem Glossareintrag "long-short".
Wie wird diese Zahl an einem konkreten Beispiel berechnet?
Stell dir einen Markt mit Perpetual Futures auf einem Coin vor. Die Borse veroffentlicht dazu ein Long/Short Ratio von 2,0. Was bedeutet das?
- Wenn es um das Verhaltnis der Accounts geht: Auf jeden Account, der short ist, kommen zwei Accounts, die long sind.
- Wenn es um das Verhaltnis des Positionsvolumens geht: Der Wert der offenen Long-Positionen ist doppelt so hoch wie der Wert der Short-Positionen.
Das sind zwei verschiedene Dinge. Ein Ratio von 2,0 nach Anzahl der Accounts kann auch dann bestehen, wenn ein paar grosse Shorts volumenmassig tausende kleine Longs uberwiegen. Deshalb lautet die erste Frage immer: Messen wir Accounts oder Volumen?
| Metrik | Was sie zahlt | Worauf zu achten ist |
|---|---|---|
| Verhaltnis der Accounts | Anzahl der Long- vs Short-Accounts | Beeinflusst von vielen kleinen Tradern |
| Verhaltnis des Volumens | Grosse der Positionen im Wert | Beeinflusst von wenigen grossen Playern |
| Datenquelle | Eine Borse vs der gesamte Markt | Die Zahlen unterscheiden sich zwischen Borsen |
Warum ist "die Mehrheit ist im Long" fur sich genommen kein Signal?
Hier liegt der Kern der ganzen Lektion. Am Derivatemarkt hat jede Long-Position auf der anderen Seite jemanden im Short. Positionen werden gepaart. Das Gesamtvolumen von Longs und Shorts ist in der Summe immer ausgeglichen, weil es sich um Kontrakte zwischen zwei Parteien handelt.
Was sich unterscheidet, ist, wie dieses Volumen auf viele Accounts verteilt ist. Wenn du liest "70 % der Trader sind im Long", heisst das nicht, dass der Markt einseitig auf steigende Kurse wettet. Es heisst, dass viele kleine Accounts Longs halten, wahrend eine kleinere Zahl grosserer Accounts die entsprechenden Shorts halt.
Daraus ergeben sich zwei Fehler, die Menschen begehen:
- Verwechslung von "Masse" mit "Markt". Ein hoher Long-Anteil beschreibt eine bestimmte Gruppe von Accounts, nicht die kunftige Preisrichtung.
- Die Annahme, dass die Masse sich immer irrt. Manchmal tragt die Masse im Long einen ganzen Aufwartstrend und irrt sich wochenlang nicht. Ein andermal wird sie schnell liquidiert. Die Zahl allein sagt dir nicht, welches der beiden Szenarien eintritt.
Wann sagt das Long/Short Ratio also uberhaupt etwas aus?
Nutzlicher als der absolute Wert ist meist die Veranderung uber die Zeit und der Kontext weiterer Daten. Beispiele fur das, was Menschen beobachten (Beschreibung, kein Rat):
- Eine abrupte Verschiebung des Ratios innerhalb kurzer Zeit zeigt, dass sich die Verteilung der Positionen schnell verandert hat. Sie sagt nicht warum.
- Das Ratio zusammen mit der Funding Rate. Die Funding Rate ist eine periodische Zahlung zwischen Longs und Shorts an Perpetual-Markten. Wenn beide Zahlen in dieselbe Richtung ausschlagen, beschreibt das, wie teuer es ist, die jeweilige Seite zu halten.
- Das Ratio zusammen mit dem Open Interest. Das Open Interest ist die Gesamtzahl der offenen Kontrakte. Dasselbe Ratio bei steigendem und bei fallendem Open Interest ergibt ein vollig anderes Bild.
Keine dieser Kombinationen ist eine Prognose. Es sind beschreibende Ebenen, die der Zahl Kontext geben.
Warum unterscheidet sich dasselbe Ratio an zwei Borsen?
Weil jede Borse nur ihre eigenen Accounts und ihre eigenen Positionen zahlt. Eine Borse mit einer Ubergewichtung von Retail-Tradern kann ein anderes Verhaltnis zeigen als eine Borse, an der vor allem grosse Firmen handeln. Es gibt kein universelles Long/Short Ratio fur den gesamten Markt, es gibt nur Teilansichten von einzelnen Quellen. Wenn du irgendwo eine Zahl siehst, frage, von welcher Borse sie stammt und welchen Zeitraum sie abdeckt.
Was du jetzt konnen solltest und was unsicher bleibt
Nach dieser Lektion solltest du in der Lage sein:
- Zu unterscheiden, ob das Ratio die Anzahl der Accounts oder das Positionsvolumen misst.
- Zu erklaren, warum Longs und Shorts in der Summe gepaart sind und warum "die Mehrheit im Long" nicht die Marktrichtung beschreibt.
- Das Ratio im Kontext zu lesen (Veranderung uber die Zeit, Funding Rate, Open Interest) statt als isoliertes Signal.
- Nach der Quelle und dem Zeitfenster jeder Zahl zu fragen.
Was unsicher bleibt und was dir kein Long/Short Ratio sagt:
- Wohin der Preis geht. Die Verteilung der Positionen ist keine Prognose.
- Wer diese Trader sind. Hinter einem "Account" kann kleines Retail ebenso stecken wie ein grosser Fonds.
- Ob die Masse sich irrt. Das lasst sich erst im Nachhinein beurteilen, nicht aus einer einzigen Zahl.
Das Long/Short Ratio ist ein beschreibendes Werkzeug. Es zeigt, wie die Masse gerade jetzt verteilt ist. Der Rest ist Arbeit mit dem Kontext, und auch die muss man ehrlich machen.

