Was ist eigentlich passiert?
Binance hat einen Sicherheitsvorfall bekannt gegeben, der in den Berichten als Diebstahl in Milliardenhöhe auftaucht. Die Quellen unterscheiden sich bei der genauen Zahl leicht: Decrypt nennt rekordverdächtige 6,4 Milliarden Dollar, Cointelegraph schreibt von 6,3 Milliarden Dollar. Der genaue endgültige Betrag kann also derzeit noch nicht als eindeutig bestätigt gelten.
Die Reaktion der Wall Street war zweigeteilt und auf den ersten Blick widersprüchlich. Auf der einen Seite rahmten die Analysten den Vorfall als Problem einer einzelnen Börse ein. Auf der anderen Seite fielen die an Krypto gekoppelten Aktien gleich am nächsten Tag nach der Bekanntgabe.
Wie liest es die Wall Street?
Laut Decrypt beschrieben Analysten von Cantor Fitzgerald, TD Cowen und Compass Point das Ereignis als Sicherheitsversagen von Binance, nicht als systemische Bedrohung für den gesamten Kryptomarkt. Ihr Tenor lenkt laut Decrypt die Kunden zu sogenannten "Bitcoin-Proxys" am Aktienmarkt, konkret werden Coinbase, Robinhood und Strategy erwähnt.
Proxy bedeutet hier eine börsennotierte Aktie, deren Geschäft oder Bilanz eng an die Entwicklung der Kryptowährungen gekoppelt ist, sodass sie sich wie eine indirekte Wette auf den Sektor verhält, ohne dass der Anleger selbst Coins an einer Börse hält.
Wichtiger Kontext: charliedesk empfiehlt weder den Kauf noch den Verkauf eines dieser Titel. Wir beschreiben, was die Analysten gesagt haben und wie sich die Aktien tatsächlich verhalten haben.
Warum fielen die Krypto-Aktien dann?
Cointelegraph beschrieb, dass am Tag nach der Bekanntgabe des Einbruchs bei Binance die an den Sektor gekoppelten Titel stark fielen. Den Rückgang führte laut Cointelegraph Coinbase an, nach unten gingen auch Circle und Strategy.
Es entsteht so ein scheinbarer Widerspruch: Die Analysten bezeichnen dieselben Unternehmen als relativ sicherere Wahl, und ihre Aktien fallen dabei während des Ausverkaufs. Beides kann gleichzeitig zutreffen. Der Markt reagiert zunächst nervös auf den gesamten Sektor, während die Analysethesen auf einen längeren Horizont und auf die Unterscheidung zwischen einzelnen Unternehmen abzielen. Ob sich diese These bestätigt, ist derzeit ungewiss und lässt sich nur im Nachhinein anhand der weiteren Kursentwicklung überprüfen.
Was passiert rund um Strategy?
Strategy (früher MicroStrategy) ist der bekannteste Unternehmens-Halter von Bitcoin und wird üblicherweise als Proxy auf dessen Preis verwendet. Laut The Block fiel die Aktie nach den Ergebnissen für das dritte Quartal, dennoch behielten Analysten von StoneX und TD Cowen ihre positive Bewertung bei.
The Block führt als Argumente die Barreserve in Höhe von 4,83 Milliarden Dollar und die stabilere Struktur der Vorzugsaktien vom Typ STRC an. Laut den zitierten Analysten schafft diese Anpassung der Finanzierung Raum für weitere Bitcoin-Käufe. Ob und in welchem Umfang Strategy tatsächlich weiter kauft, ist derzeit nicht bestätigt, es handelt sich um Erwartungen der Analysten.
Wo passt die japanische Zentralbank in die Geschichte?
CryptoSlate brachte eine scheinbar unzusammenhängende, aber für die Aktien-Proxys relevante Nachricht. Die Bank of Japan (BOJ) wird ihre geplanten Verkäufe von Aktienfonds mehr als verdoppeln. Die jährlichen ETF-Verkäufe sollen laut CryptoSlate von etwa 330 Milliarden Yen auf 860 Milliarden Yen zum Buchwert steigen, und zwar ab Januar 2027. CryptoSlate erwähnt zugleich Sicherungen, die den unmittelbaren Schock begrenzen sollen.
Warum wir das erwähnen: Wenn die Wall Street Anleger von Coins an Börsen in börsennotierte Aktien-Proxys schickt, wird das Verhalten der breiteren Aktienmärkte und der Liquidität direkt relevant für diese "Ersatz"-Exponierung. Einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen den Schritten der BOJ und den Kursen der Krypto-Aktien bestätigt aber keine der Quellen, es handelt sich um Kontext, nicht um eine nachgewiesene Beziehung.
Was folgt daraus und was ist zu beobachten?
Die Hauptlinie der Geschichte: Eine große Börse erlitt einen großen Verlust, ein Teil der Wall Street legt es als Problem eines einzelnen Unternehmens aus und verweist auf regulierte Aktien-Proxys, der Markt reagierte aber im ersten Moment mit einem flächendeckenden Ausverkauf genau dieser Titel.
Bei ähnlichen Situationen lohnt es sich generell, drei Dinge zu beobachten. Erstens, ob sich die endgültige bestätigte Verlustzahl von den ersten Schätzungen unterscheidet. Zweitens, ob der Rückgang der Krypto-Aktien nur eine kurze Reaktion war oder ein dauerhafterer Trend (das wird sich im Nachhinein anhand der Charts überprüfen lassen). Drittens, ob Unternehmen wie Strategy tatsächlich die Schritte unternehmen, die ihnen die Analysten zuschreiben.
Diese Punkte notieren wir uns, damit sie später mit der Realität verglichen werden können.

